Archiv für die Kategorie 'Countdown to Copenhagen'

Ein Grund zum Feiern?

NicolasAusgelassen ist die Stimmung im Greenpeace-Warehouse, wo zur Zeit fast 300 Aktivisten in Kopenhagen ihr Zuhase finden. Die grosse Demonstration vom am Global Day of Action ist vorbei, und alle Vorbereitungen haben sich mehr als gelohnt. Die positive Aufbruchstimmung wurde hallte durch die Strassen Kopenhagens und wurde 6km weit bis vors Konferenzzentrum getragen. Für Greenpeace war dies jedoch nicht genug. Bis spät in die Nacht wurde im Warehouse weiter getrommelt, getanzt und gefeiert.

party

Doch wie steht es wirklich in der nun am Zenit angelangten Verhandlungen am COP15? Gibt es einen Grund zu feiern? Wir wissen es nicht. Die Informationen welche aus dem Konferenzzentrum nach aussen dringen sind oft nicht bestätigt und daher ungreiffbar. Hinter verschlossenen Türen treffen sich Delegationen von fast zweihundert Ländern und pokern um die Zukunft unseres Planeten. Doch was wirklich dabei rauskommt, wird sich erst zeigen wenn die «Heads of State» Mitte dieser Woche erscheinen werden. Erst dann wird klar ob die von den Delegierten vorbereiteten Abkommen abgesegnet und verbindliche Massnahmen auf internationaler Ebene zustande kommen werden, oder ob die Regierungen sich nur zu langfristigen Zielen und unverbindlichen Bemühungen aussprechen werden – deren Umsetzung schleierhaft bleibt.

Als Metahper stellt man sich ein Fussballspiel vor, bei dem erst in der 89. Minute bekannt wird, welche Manschaft welches Tricot trägt. Es fällt schwer bei einem Tor zu applaudieren – die gute Stimmung aufrecht zu behalten und die Motivation weiter zu tragen aber nicht. Wie heisst es doch so schön: «Die Hoffnung stirbt zuletzt» oder «es gibt immer einen Grund zum Feiern».

Klimakundgebung Kopenhagen

asti_copGerade laufen die Abschlussreden der gigantischen Klimakundgebung in Kopenhagen.  Ueber 100′000 Leute sind inzwischen vor dem Konferenzzentrum angelangt. Unglaublich, welche Energie und Dynamik hier auf den Strassen ist.  Jung und alt, von ueberall.  Von Bollywoodstars ueber Supermodels, Indigenenvertreter, Mary Robinson (die ehemalige Hochkomissarin für Menschenrechte) und Kumi Naidoo, dem neuen Greenpeace-Chef. Alle rufen dazu auf: “Yes, we must! Yes, we will!” Und: “Politicians, act now, climate change is happening!”  Alles weitere sagen die Bilder.

Klimakonferenz Kopenhagen: K+5

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HOTenhagen oder: Die Hitze steigt

In Kopenhagen laufen nun die Strassen heiss. 60′000 DemonstrantInnen werden erwartet. Sie wollen Druck machen. Für greifbare, nutzbare Ergebnisse. Nachdem ja bereits eine heisse Woche vorbei ist, allerdings wars bisher vor allem heisse Luft

Aber nicht alle reden nur um den heissen Brei: Das kleine Luxemburg kündigte am Mittwoch an ohne Konditionen auf minus 30% CO2 zu gehen. Hört hört, liebe Schweizer, es gibt durchaus andere kleine Länder mit vielen Banken, die sich nicht einfach dauernd nur verstecken!

Aber zurück zu den DemonstrantInnen: Heiss ist gut, ist wichtig. Aber Gewalt ist tabu, ist kontraproduktiv – ein zweites Seattle darfs keinesfalls werden. Die Arbeit von Aber-Tausenden von Menschen hat es geschafft die Staatsoberhäupter endlich mit der Nase auf die zentrale Menschheits-Frage „Klimaschutz ja oder nein?“ zu stossen. Ein Ausweichen bei der Antwort ist nicht mehr drin. Bitte, liebe Hitzköpfe unter den DemonstrantInnen, gebt ihnen keine Gründe für Ausflüchte, Abreise, Sicherheitsausreden. Sonst werdet ihr genauso mitschuldig – weil auch ihr den falschen heissen Brei aufgekocht habt.

Und dann war ja Obama da. Zwar erst in Oslo, sozusagen zur Aufwärmrunde. Beim Anflug (da lag für ihn das Riesen-Banner das im August auf dem Gornergletscher war), auf den Strassen Oslos, beim Empfang – überall nur die eine Botschaft an ihn, endlich zum Klima-Retter zu werden. Dann, fast zurück in Washington, was liegt denn da unter dem Helikopter?: Wieder ein Riesenbanner, dessen Botschaft er klar sah (der Heli drehte eine Zusatzschleife): LEAD – save the climate! (http://www.greenpeace.org/usa/news/yes-we-can)

Fazit: Alle wissen genauestens, was sie liefern müssten (die EU ihre minus 30%, aber Merkel zaudert weiter und am gestrigen EU-Meeting reichte es wieder nicht wirklich dieses Notwendige zu beschliessen; die USA etwas Substanzielles statt Lächerliches, aber Obama musste zuerst noch nach Oslo; China muss vom jetzigen massiven CO2-Wachstum wegkommen, aber redet noch lieber über das Geld, das sie wollen). Sichtbar ist das Wissen um das Was und Wieviel daran, dass über genau diese Inhalte heiss und fast schon leidenschaftlich gestritten wird. Wären die Länder nicht irgendwo im „tiefsten Innern“ parat und einsichtig, dann würden sie ja schon gar nicht drüber erhitzen. Oder?

Unsichtbare Taktangeber

Cyrill Studer ist Klimaexperte von Greenpeace Schweiz und schreibt direkt aus Kopenhagen

Cyrill Studer ist Klimaexperte von Greenpeace Schweiz und schreibt direkt aus Kopenhagen

Kommt man mit einem unbefangenen Blick zur COP 15, könnte man in Jubeltänze ausbrechen: Auf dem Fahrrad in die Innenstadt fährt man an Skulpturen, Ausstellungen und Mitmachmöglichkeiten zum Klimathema vorbei. Wenn man aus der vollautomatisierten Hochbahn steigt, sieht man hinter dem Konferenzgebäude ein Windrad drehen. Unten in der Fussgängerzone offerieren Greenpeace-Freiwillige Kaffee und versuchen vor allem mit Delegierten ins Gespräch zu kommen. Im Bella Center selber sind die Gefahren des Klimawandels und der Ruf nach einem weitgehenden Klimaschutz allgegenwärtig: Dutzende von NGO’s und Forschungsinstitute, die an ihren Ständen Wissen und Lösungen anbieten und Massnahmen einfordern. Ein grosser Teil der Anwesenden unterstreicht ihre Sorge und ihr Engagement mit Buttons und Klebern, kleinere Gruppen auch mit bewilligten Aktionen. Und die Eröffnungsreden hätten selbst Greenpeace-Mediensprecher kaum eindringlicher schreiben können.

Die NGOs sind omnipräsent

Die NGOs sind omnipräsent

Zweifellos: Das Klimathema ist angekommen. Hier hat es mehr Leute als an den Medientagen des Genfer Automobilsalons, und das soll etwas heissen! Trotzdem: weswegen kommt dieser allgegenwärtige Klimaschutz in den Verhandlungen nicht zum Ausdruck? Ein Beispiel: Um die globale Durchschnittstemperatur auf höchstens 2ºC zu begrenzen sind in den Industrieländern CO2-Reduktionen von 40% bis 2020 nötig (gegenüber 1990). Die bisherigen Versprechen liegen aber bloss ca. 16% unter 1990. Das ist schon schlimm genug, aber falls sich bei den Verhandlungen alle Schlupflöcher durchsetzen, welche momentan in Kopenhagen auf dem Tisch liegen, wären die Emissionen 2020 in den Industrieländern sogar höher als 1990! Wie kann ein solcher Selbstbetrug stattfinden? Die Schlupflöcher sind für die nicht im Thema Involvierten schwierig zu erkennen, etliche Delegierte wischen die tatsächlichen Auswirkungen gegenüber der Öffentlichkeit unter den Tisch und viele Staatschefs brüsten sich lieber mit den Reduktionszielen, die bloss dank rechnerischen Kniffs zustandekommen und verschweigen, dass sie unter dem Strich eine CO2-Erhöhung zulassen.

Was lehrt man daraus? Währenddem die Klimabesorgten hier mit der grossen öffentlichen Kelle anrühren, nimmt man die grössten Klimaschutzverhinderer – Interessensgruppen die meist Teilsektoren der Wirtschaft und Industrie repräsentieren – im Bella Center kaum wahr. Diese scheinen einfachere und leisere Wege gefunden zu haben, ihre Forderungen bei den Delegierten unterzubringen.

Apropos Schlupflöcher: Es gibt auch Sicherheitsschlupflöcher, beispielsweise in Brüssel….:-)

Wake up-call: Ein junger Mann aus den Malediven, dem das Wasser buchstäblich bis zum Hals steht.

Wake up-call und ein junger Mann aus den Malediven, dem das Wasser buchstäblich bis zum Hals steht.

Die Waldverhandlungen laufen heiss

asti_copAsti Roesle, Campaignerin bei Greenpeace Schweiz, berichtet rund um den Klimagipfel in Kopenhagen.

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Während einige Kopenhagen-Gäste in Privatjets und Limousinen anreisen und dementsprechend alle Luxushotels ausgebucht sind, wachen wir hier in der Greenpeace-Kreativzentrale in folgendem Gemach auf:

Greenpeace Schlafsaal

Greenpeace Schlafsaal "Halvandet" (Greenpeace/Wemyss)

Die Vorbereitungen für die Grossdemo für den Climate Action Day am Samstag laufen auf Hochtouren, von den Plakaten auf dem Foto werden ganze 3000 Stück produziert  - ich hoffe dass dann das Materialrecycling auch richtig funktioniert.

Holzpanels

Holzpanels (Greenpeace/Wemyss)

Tja, als Waldcampaignerin kann ich es nicht lassen,  über die  technischen,  komplizierten und deshalb blog-ungeeigneten Waldverhandlungen zu berichten, welche drüben im Tagungszentrum auf Hochtouren laufen. Es fängt schon mit den Kürzeln an: Verhandlungsinhalte sind ein  REDD (=Reduced Emissions from Deforestation and Degradation) Mechanismus und als weiteres schönes Kürzel – LULUCF (= Land Use, Land Use Change and Forestry). Die Texte dazu sollten am Samstagabend stehen – um dann nächste Woche auf der höheren Ebene der Staatschef fertig verhandelt  zu werden. Dem Waldteil der Klimaverhandlungen prognostizierte man ja bis jetzt am wahrscheinlichsten einen erfolgreichen Abschluss – das hat natürlich auch Missbrauchspotential: man weist auf Erfolge, um von allen anderen Misserfolgen abzulenken – oder missbraucht den Wald zum pseudo-kompensieren von Emissionen aus fossilen Energieträgern.

Die Protokolle der Verhandlungssitzungen, die in meine Mailbox flattern, erinnern  laufend an den Spruch “vor lauter Bäume den Wald nicht mehr sehen” – es wird um jeden Punkt gefeilscht. Gestern zum Beispiel musste man sich über die Länder ärgern, die  ein gemeinsames globales Ziel für REDD torpedieren wollen. Heute wiederum wurden man von Frankreich positiv überrascht, welches sich gegen sie beschämende Position der EU zu LULUCF stellten und dafür aber auch gleich eine “Ray of Light” Auszeichnung von den NGOs kassierten. Die wichtigere Auszeichnung ist jedoch die täglich zu vergebende “Fossil-of-the-day”, welche beim Waldthema bleibend Schweden, Finnland und Österreich am ersten Verhandlungstag erhielten: sie versuchen, durch ihrer Waldbewirtschaftung ein Schlupfloch in den Emissionsberechnungen zu erreichen. Die Schweiz sei bis jetzt in den Waldverhandlungen nicht negativ aufgefallen – im Gegenteil. Bleibt zu hoffen,  dass dies auch in weiteren Verhandlungssträngen der Fall sein wird.  Zum Beispiel: die Schweiz fordert eine Emissionsreduktion von mindestens 40% bis 2020.

Das Aufbäumen der Untoten

Alex Hauri leitet die Klimakampagne von Greenpeace Schweiz. Zum Archiv seiner Kopenhagen Serie

Alex Hauri leitet die Klimakampagne von Greenpeace Schweiz

Alex Hauri leitet die Klimakampagne von Greenpeace Schweiz

Wissen tun wir, dass sich in Kopenhagen die Unterhändler der Regierungen dieser Welt in unzähligen Arbeitsgruppen zusammengesetzt haben. Das Ziel: ein Konsens, zu dem nächste Woche die Capos, die Dons (inkl. wichtigen Damen, wie z.B. Frau Merkel), die Leute am Drücker ja oder nein sagen. Das Panoptikum der Players in und rund um die Konferenz rüstet sich fürs grosse Finale. Für einige Stunden passierte scheinbar nichts. War das die – kurze – Ruhe vor dem Sturm? Die erste grobe Böe kam rasch: Die Entwicklungländer stehen auf die Hinterbeine. Den dänischen Vorschlag, der in der Konferenz herumgeistert lassen sie sich nicht bieten. Das ist kein Konsens, dieses Mal lassen sie sich nicht wieder mit Nichts abspeisen. Die Drohung Abreise steht im Raum. Zum Glück noch nicht wahr gemacht. Denn es braucht alle. Und für Länder wie Tuvalu ist ein wirkungsvolles Abkommen schlicht eine Frage des Überlebens, Abreisen liegt nicht drin.

Damit sind die Karten nun aufgedeckt. Und hoffentlich hat damit der üble Sturm im Wasserglas, wie ihn das ominöse «Climategate» (der Hackerangriff auf sensible Daten von Klimaforschern) ausgelöst hat, nun «ausgestürmelt». Über die Triumphschreie der Klimalügner, die flux ihren Gruften entsteigen, viele Worte zu verlieren, lohnt sich nicht: Es ist – war?! – ein letztes Aufbäumen der Untoten.

Die traurige Resonanz, die sie in der Öffentlichkeit geniessen, sagt aber viel aus über die verständliche Sehnsucht von unzähligen Menschen nach einer Flucht aus dem realen Klima-Albtraum.

Vielleicht ist es ein ähnliches Gefühl wie damals im Kalten Krieg, als die Menschheit entdeckte, dass sie sich atomar selbst zerstören kann. Daraus ist ja auch Greenpeace entstanden. Nur geht es heute nicht darum, nicht aufs Knöpfchen zu drücken, sondern den Knopf von uns allen zu lösen.

Und Greenpeace? AktivistInnen haben heute morgen die renitente polnische Delegation beim Frühstück gestört und ihnen ihre Verantwortung in Erinnerung gerufen.

Auf dem von Greenpeace Schweiz errichteten Screen im Greenpeace Coffee Shop vor dem Konferenzzentrum wurde die Deutsche Regierung angeprangert: Sie wollte die bisherige allgemeine Entwicklungshilfe in ihren Klimabeitrag reinschummeln. Greenpeace hat immer gefordert, dass Klimazahlungen an die Dritte Welt nicht zulasten von Entwicklungsgeldern gehen darf. Ist ja wohl selbstverständlich! Gilt auch für die Schweiz.

Tuvalu – einem Kleinen geht es um alles

Cyrill StuderAuf den weitläufigen Gängen des Konferenzzentrums begegnet man immer wieder indigenen Vertretern, die meist in Volkstrachten auf ihr Schicksal aufmerksam machen und regelmässig von Medienschaffenden umgeben sind.

Vor 24 Stunden sprach ich am Infostand von Tuvalu mit einer Einheimischen, die den weiten Weg nach Kopenhagen gemacht hatte. Obwohl die mitgebrachten Bilder ihrer knapp aus dem Meer ragenden Pazifikinsel paradiesische Vergleiche nicht scheuen mussten, machte die etwa 50 jährige Polynesierin einen sehr bedrückten Eindruck. Sie war überzeugt, dass diese Konferenz über die Zukunft ihres Inselstaates und somit ihrer Nachkommen bestimmen werde und sie war sehr pessimistisch, was den Ausgang der Verhandlungen betrifft.

Dann heute morgen, die Überraschung: im Plenarsaal Tycho Brahe wird darüber diskutiert, ob das Kopenhagen-Schlusspapier einen rechtlich bindenden Charakter oder bloss eine Absichtserklärung bilden soll. Der Abgesandte von Tuvalu, bloss 12′000 Menschen vertretend, fordert ultimativ einen rechtlichen Status, ansonsten die Verhandlungen abgebrochen werden sollen. So hoch pokert offensichtlich bloss jemand, der nichts mehr zu verlieren hat und tatsächlich geht die Vorsitzende Connie Hedegaard darauf ein. Die Gespräche zu diesem Punkt werden auf später vertagt und in der Zwischenzeit soll eine Lösung gefunden werden.

Um die Mittagszeit, dann: eine spontane Demonstration[1], vermutlich über SMS organisiert, bildet sich im Umfeld des Tycho Brahe-Einganges, mit dem Ziel, Tuvalu in seiner Haltung zu unterstützen. Anscheinend ein Novum auf das die Sicherheitskräfte umgehend reagieren: NGO-Vertreter haben zurzeit keinen Zutritt mehr zum Plenarsaal. Bleibt bloss zu hoffen, dass auf das Tuvalu-Ultimatum ähnlich konsequent reagiert und noch in der ersten Verhandlungswoche klar wird, dass hier nicht bloss nette Worte herausschauen sollen. Für das hätte sich dann der ganze Aufwand nicht gelohnt.

the blue bus in copenhagen

Nicolas Fojtu von Greenpeace Schweiz bloggt über seine Mission in KopenhagenNicolas

«CZAS NA SOLIDARNOŚĆ KLIMATYCZNĄ» oder auf englisch: «Climate Solidarity now», mit diesem Spruch wurde heute früh der Kopf der polnischen Delegation, Tomas Chruszczow, beim Frühstück empfangen. Gleichzeitig spielten Lautsprecher in Koffern und Rucksäcken der Aktivisten versteckt die Botschaft auf polnisch und englisch ab. Der freundliche Sicherheitsdienst vom Hotel bat die Greenpeace-Aktivisten umgehend auf, Herrn Chruszczow nicht zu stören und beförderte diese nach draussen.

Damit aber nicht genug. Auf dem 3×4m grossen Bildschirm am Eingang zum Konferenzzentrum, wurden die Delegierten und alle anderen Konferenzbesucher erneut konfrontiert. Entziehen kann man sich diesem Riesenfernseher nur schlecht, weil er genau da steht, wo man sich anstellen muss bis man zum Sicherheitscheck gelangt.

Meine Rolle in dem riesigen Haufen aus Delegierten, Presseleuten und Mitgliedern von Beobachterorganisationen wie Greenpeace auch eine ist: ich bin am Drücker des Riesenfernsehers. Zusammen mit Campaignern aus der ganzen Welt setzten wir «Rapid Responses» nach Entscheidungen an der Konferenz visuell um und spielen diese vom legendären «Blue Bus» aus in den öffentlichen Raum vor der Konferenz. Gekoppelt mit Aktionen wie der heute Morgen bekommt das Ganze schon richtig integrierten Charakter – einfach so gut es die kurze Reaktionszeit erlaubt. Die Stimmung ist sehr gut, motivierend und die Spannung steigt jeden Tag an. What’s next?

blue bus

blue bus

Umweltbelastender Klimagipfel?

Cyrill Studer, Klima Campaigner von Greenpeace Schweiz, berichtet von der Klimakonferenz in Kopenhagen.

Cyrill StuderMontag, 7.Dezember 2009, etwa um 10.30 Uhr: ich befinde mich mit etwa 2000 weiteren Gipfelteilnehmern in der völlig überfüllten East-Hall im Bella-Center, wo die Eröffnungszeremonien aus dem Plenarsaal übertragen werden. Eindrückliche Einspielungen, bewegender Frauenchor, tiefgreifende Reden. Ein Augenblick, in dem sich die ganze Welt um den Klimaschutz zu drehen scheint. Also, schnell den Laptop auf und checken, was andere darüber berichten. Tagesanzeiger-online verbreitet: Wie der Klimagipfel die Umwelt belastet. Uups. Irgendwie habe ich mir eine romantischere Schlagzeile vorgestellt. Da wird über Privatjets, Limousinen und dergleichen berichtet. Es geht nicht lange und die sattsam bekannten Klimaskeptiker schalten sich mit Kommentaren ein. Die haben’s schliesslich schon immer gewusst. Ein gefundenes Fressen.

Mag sein, dass hier etliche Teilnehmende ihre Dekadenz auch für einen Klimagipfel nicht ablegen. Ich wage gar nicht darüber nachzudenken, welche Limo-Konvois über die Kopenhagener Strassen brausen werden, wenn in etwa einer Woche die 110 Staatschefs eintreffen. Bloss, von dieser ganzen CO2-Schlacht spüre ich in meinem «Hotel» nicht viel: Vor einer Stunde erhob ich mich von meiner Militär-Bahre, die auf einem Betonboden steht. Fast näher als meine Ehefrau zuhause im Doppelbett liegt bereits der Nächste. Und so geht es weiter, etwa 120 Greenpeace-Freiwillige mit ihrem Gepäck, eingepfercht in einer alten Fabrikhalle. Zuerst ging ich raus in die Kälte zu einem Nebengebäude, in dem die Duschen eingerichtet sind. Ich hatte Glück, vermutlich war ich einer der ersten, denn, das Wasser war im Gegensatz zum letzten Mal warm. Dann, immer noch mit nassen Haaren (einen Föhn gibt es natürlich nicht, habe ich geahnt und mir deswegen am Tag der Abreise die Haare noch kurz geschnitten), weiter zum Frühstück, in den Versammlungssaal: gut, nährhaft, biologisch, vegetarisch sowieso. Erstes politisches Update des Morgens vom dänischen Campaigner: Die zurzeit blockierende polnische Delegation wurde bereits vor dem Frühstück von Greenpeace-Akivisten begrüsst, das Medieninteresse war gewaltig. Ziel erreicht: Es wird öffentlich über die Machenschaften der Delegation diskutiert. Nichts mit Verstecken, die Verantwortlichen wurden ans Licht gezehrt.

Und nun: rauf aufs Fahrrad, eine halbe Stunde radeln, hoffentlich nicht gegen den Wind, und dann rein ins Bella-Center. Gut möglich, dass ich etwas müder aussehen werde, als die Delegierten, die heute Morgen in einem Penthouse erwachten. Aber, tauschen wollen? Niemals! Zu fein ist das Vegan-Essen hier, zu interessant waren gestern Abend nach einem langen Tag an der Konferenz all die Diskussionen mit den anderen Greenpeaceleuten in unseren Fabrikhallen. Hier lebt Kopenhagen und von hier und ähnlichen Plätzen aus bildet sich hoffentlich in den nächsten Tagen die Veränderung, die so dringend nötig ist.

Hopenhagen

Nicht, dass ich bis jetzt viel Zeit gehabt hätte, mir die Innenstadt anzusehen, aber einen ersten Eindruck von «Hopenhagen», wie sich die dänische Kapitale seit kurzem nennt, habe ich trotzdem gekriegt. Was besonders auf einem Mietvelo auffällt: Fahrradwege soweit die Strassen reichen. Genug breit, um als dahintrödelnder Outsider sogar von dreirädrigen Transportvelos überholt zu werden. In der Rush-Hour gibt’s sogar eigentliche Velostaus. Aber diese bleiben auch auf den ‚richtigen’ Strassen nicht aus. Was tun? Mein Vorschlag: zusätzliche Flächen zugunsten der Zwei- oder Dreiräder reservieren. Gar nicht so unrealistisch, denn dies ist eine der 50 Massnahmen, mit denen Kopenhagen bis 2025 zur ersten klimaneutralen Hauptstadt werden will. Wer weiss, vielleicht existiert auf einem Geheimpapier bereits die 51. Massnahme ‚Namensänderung von Copenhagen hin zu Hopenhagen’ Aber bitte erst Umsetzen, wenn die ersten 50 Ziele erreicht sind.

Klimakonferenz Kopenhagen: K+2

Auch nach der ersten Konferenznacht bleibt ein Stück Eröffnungsoptimismus. Umso mehr als mittlerweile die USA CO2 zum Schadstoff erklärten und so dem Klimagesetz in den USA neue Wege öffneten. CO2 muss zwar auch in Zukunft ein natürlicher – aber kleiner! – Bestandteil unserer Luft sein, aber wenn gewisse Länder es erst zu Gift erklären müssen, um seinen Ausstoss zu begrenzen, dann gerne.

Gestern schrieb ich, dass die Schwellenländer im grossen Poker den Lead übernommen haben. Heute sehen wir, dass USA die Muskeln lockert, um vielleicht einen Satz vorwärts zu machen.

Für morgen wünsche ich mir, dass nun die EU sich zu einem mutigen Schritt durchringt: Reduktionsziel 30%. Es gibt Indizien, die darauf hindeuten, dass das Powerdreieck Brown-Merkel-Sarkozy sich rührt. Brown ist bereits vorangegangen. Die Blicke sind nun auf Merkel gerichtet.

Los, Angela, mach Dich jetzt zum Klima-Engel!

Countdown to Copenhagen: K-0

Alex Hauri, Klima Campaigner bei GreenpeaceKopenhagen ist gestartet. Ich spüre eine grosse Erleichterung, dass es endlich losgeht. Sogar eine gewisse Euphorie, und ich weiss, dass ich damit nicht alleine stehe. Heute Morgen haben 56 Zeitungen rund um den Globus ein gemeinsames Editorial veröffentlicht. Das symbolisiert für mich diese Atmosphäre zwischen Sorge und Zuversicht.

Vielleicht fängt die Menschheit ja an, mit einer Stimme zu sprechen. Und zu handeln!

Nach China und Brasilien hat sich nun auch Indien endlich bewegt. Südafrika formuliert gute Reduktionsziele. Etwas ganz Wichtiges ist passiert: Die Schwellenländer haben durch ihr Vorangehen die Machtverhältnisse am Klimapokertisch umgedreht. Den Industrieländern hilft Bluffen nicht mehr. Wollen sie den Lead zurück, müssen sie substantielle Reduktionsziele formulieren. Oder sie geben sich der Lächerlichkeit preis.

Ein Teil der Regierungen ist also erwachsen geworden, während die anderen sich von Versteckis, Blinde Kuh und anderen Spielchen nur schwer lösen können.

Obama liess sich lange bitten, jetzt kommt er doch auch zur heissen Endphase. 100 Staatschefs reisen nach Kopenhagen. Diese Dimension ist nun wirklich HISTORISCH. Wer hätte das vor ein paar Wochen gedacht? Zum Start von Kopenhagen also eine Dosis Optimismus.

Und jetzt an die Arbeit!

Climate Defenders Camp – ein Solidaritätssymbol

Die Übergabezeremonie des Camps auf Kampar. © Ardiles Rante / Greenpeace

Die Übergabezeremonie des Camps auf Kampar. © Ardiles Rante / Greenpeace

Das Climate Defender Camp auf der indonesischen Halbinsel Kampar in der Provinz Riau von  Sumatra ist gestern mit einer feierlichen Zeremonie an die örtlichen Gemeinden übergeben worden. Mehr als tausend Menschen fanden sich ein, um an der Übergabe teilzunehmen. «Das Klimaschutzcamp ist ein Symbol unserer Solidarität mit den Gemeinden in ihrem Kampf gegen die Entwaldung Kampars», sagt Von Hernandez, Geschäftsführer von Greenpeace Südostasien. «Wir werden weiter mit ihnen zusammenarbeiten. Wir werden dafür sorgen, dass ihre Stimmen in Kopenhagen gehört werden – ihre und die vieler anderer Menschen, die eine bewohnbare Welt für ihre Kinder wollen.» Ich hoffe schwer, dass dies uns und allen weiteren Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen gelingt. Umweltschutz ist Menschenrechtsschutz.

Ich habe inzwischen wieder Schweizer Boden unter den Füssen und blicke auf einen anstrengenden, eindrücklichen und bereichernden Aufenthalt in Indonesien, dem drittgrössten CO2-Emissionsland, zurück.  Ich habe unzählige Kilometer zerstörte Wald- und Torflandschaften durchkreuzt und einiges über die politischen und wirtschaftlichen Strukturen gelernt, welche für die Zerstörung verantwortlich sind. Natürlich soll man dieses faszinierende und vielseitige Land nicht ausschliesslich als Klimasünder sehen. Ich habe auch unzählige tolle Menschen kennengelernt – darunter  viele indonesische  Aktivisten und Freiwillige, die sich mit vollem Engagement für den Erhalt ihrer Wälder und eine bessere Zukunft einsetzen. Diese müssen wir unbedingt unterstützen – Waldverlust und Klimawandel lässt sich nur mit internationaler Solidarität eindämmen.

Countdown to Copenhagen: K-9

Vom „Klima-Poker“ war ja schon öfters die Rede. Wenn es um Emissions-Reduktionsziele geht, wird zwischen den Ländern geblufft und gezinkt, dass sich die Balken biegen.

Alex Hauri

Die Chinesen haben gerade einen Royal Flush angekündigt: 40-45% CO2-Reduktion bis 2020! Wow! Weltrekord! Das menschenreichste Land der Welt hat begriffen!

ABER ein Blick in die Chinesischen Karten zeigt: Es geht um 40 Prozent pro Einheit der Wirtschaftleistung. Das heisst: Jeder Dollar (bei den Chinesen natürlich der Yuan!) des erwirtschafteten Bruttoinlandproduktes soll 2020 40 Prozent weniger CO2 verursachen. Man will also effizienter werden. Aber auch klar: China will sein Wachstum nicht durch Klimaschutz gefährden. Verdoppelt sich das chinesische BIP in 10 Jahren (nicht unrealistisch), dann steigt der CO2-Ausstoss um satte 20 Prozent – statt um 40 Prozent zu sinken!

Und von den Amis haben die Chinesen einen anderen Falschspielerkniff gelernt: Die Reduktion bezieht sich auf 2005 und nicht auf 1990. Pfui, das taugt so nichts!

PS. Mich freut, dass unser Bundesrat beim Pokern noch ein ziemliches Greenhorn ist. Dank Greenpeace musste Moritz Leuenberger die Karten auf den Tisch legen (letzten Mittwoch in der Sendung „10 vor 10“), und leider lag da bestenfalls ein Paar statt einem Full House. Nun wäre das Mindeste, dass die Schweiz ihre Spielschulden bezahlt: Jährlich 1,7 Milliarden in einen globalen Klimafonds.

PS2: Heute veröffentlichte der Bundesrat seine definitiven Ziele für Kopenhagen in Form des Mandats, das er der Delegation mitgibt. Völlig ungenügend! Völlig inakzeptabel! Wir fordern vom Bundesrat, an seiner nächsten Sitzung vom 4. Dezember nochmals über die Bücher zu gehen und das Angebot nach oben zu korrigieren.

Alle Greenpeace Aktivisten wieder auf freiem Fuss

Nach 16 Stunden Polizeiposten und 3 Stunden Immigrationsamt bin ich nun endlich wieder frei. Geschlagene 3 Stunden wurde ich verhört. Am Morgen hiess es noch, dass wir alle – Kletteraktivisten und Zuschauer auf dem Begleitboot  – ausgeschafft werden. Den drei Kletterern, welche 27 Stunden, also die ganze Nacht, auf dem Kran geblieben sind, mussten sogar damit rechnen, für einen sechsmonatigen Strafrechtsprozess im Land festgehalten zu werden.

Doch dann wendete sich das Blatt im Verlauf des Tages. Alle Kletterer werden nun ausgewiesen und erhalten ein Landesverbot von mindestens einem Jahr. Aber sonst gibt es zum Glück keine weiteren Konsequenzen. Unsere indonesischen Kollegen sind auch wieder frei, müssen aber in den nächsten Woche regelmässig der Polizei rapportieren. Und mir ergeht es nun nicht wie den italienschen Kollegen, die vor einer Woche bei einem Fotostopp festgenommen und anschliessend ausgeschafft wurden. Ich kann wie geplant zurückreisen. Dies ist vor allem auch unseren Anwälten zu verdanken.

Die Aktion war auf allen Frontseiten der Riauer Zeitungen und hat dementsprechend viele Diskussionen ausgelöst. Zum Beispiel hat sich mit Unterstützung von Provinzparlamentsvertretern ein Forum formiert, dessen Ziel die Verhinderung der Umwandlung von Torfwald zu neuen Plantagen auf Riau ist. Das heisst für uns: Aktion geglückt: Das Problem der Umwandlung von Torf-und Regenwäldern durch grosse Konzerne zu Papier- und Palmölplantagen mit seinen negativen Auswirkungen für die lokale Bevölkerung, Biodiversität und Klima  steht im Fokus der Öffentlichkeit. Diskussion reicht jedoch noch nicht – wir brauchen dringend Massnahmen – sowohl von politischen Entscheidungsträgern als auch von den verantwortlichen Konzernen!

Countdown to Copenhagen: K-10

Heute habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht für Euch.
Zuerst die Gute: Barack Obama legt endlich Zahlen auf den Tisch, wie seine Klimaziele für Kopenhagen aussehen könnten. Und er wird persönlich nach Kopenhagen gehen!
Die schlechte Nachricht: Das Klimaziel soll sich irgendwo zwischen 14 und 20 Prozent CO2–Reduktion bis 2020 bewegen, sickerte aus dem Weissen Haus durch. Damit unterbietet die US-Regierung noch das jämmerliche Ziel unseres Bundesrats.
Es gibt da aber eine noch schlechtere Nachricht: Die genannten US-Klimaziele beziehen sich auf 2005 und nicht auf 1990! Gemessen am internationalen Standard würde die CO2–Reduktion der US-Amerikaner nur gerade 0 bis 7 Prozent betragen.
Kurz und schlecht: Statt schwarze Zahlen auf den Tisch zu legen, befleissigt sich der US-Präsident des industriellen Modesports GREENWASHING. Das reicht nicht.

PS: Im gestrigen 10 vor 10 im Schweizer Fernsehen nahm Bundesrat Leuenberger Stellung zu den ungenügenden minus 20% der Schweiz.
10vor10 vom 25.11.2009