Forschung mit Gentech-Pflanzen: Kommentar zu NFP-Publikation

Heute publiziert der Nationalfonds die Resultate von Versuchen mit mehltauresistentem Gentech-Weizen im Freiland und im Gewächshaus.

Greenpeace kommentiert die Resultate wie folgt:

Wie zu erwarten zeigten die mehltauresistenten Weizenpflanzen im Freiland
ein anderes Resultat als im Gewächshaus. Das Resultat ist also keine neue
wissenschaftliche Erkenntnis, sondern muss einmal mehr nachdenklich stimmen. Denn es zeigt klar auf, mit welchen überkomplexen Problemen die
Agro-Gentechnik zu kämpfen hat. Unter zahlreichen anderen Problemen wird der Einfluss der Umwelt auf das Verhalten von Gentech-Pflanzen bis heute
unterschätzt oder einfach ignoriert.

Das Forschungsprojekt zeigt deutlich, dass Risiken nicht vor der Bewilligung
von Freisetzungsversuchen erkannt werden, sondern erst nach der Freisetzung
auftreten können. Nachdem in den vorangehenden Gewächshausexperimenten keine Hinweise auf mögliche unerwünschte Nebeneffekte berichtet wurden, sind in den Freisetzungsversuchen sehr ausgeprägte unerwartete Nebeneffekte
aufgetreten. Der Ertrag ist bei zwei von vier eingesetzten transgenen
Weizenlinien um bis zu 56% eingebrochen und die Infektion mit dem toxischen
Mutterkorn Pilz war bis zu 40% höher als bei den Kontrollpflanzen.

Es ist kein wissenschaftlicher Erfolg zu zeigen, wie gross die Unterschiede
zwischen Gewächshaus und Freilandversuchen tatsächlich sind. Vielmehr wird
hier eindrücklich demonstriert, wie die Wissenschaft die Risiken von
Gentech-Pflanzen nicht beherrscht.

Unter dem Strich ist der Nutzen dieses Freisetzungsversuchs, der enorme
Steuergelder verschlungen hat, sehr fragwürdig. Das Fazit ist eine
Bestätigung unerwarteter Nebeneffekte, welche Greenpeace seit Jahren als
einer von mehreren Gründen dafür aufführt, dass gentechnisch veränderte
Organismen nicht in die Umwelt freigesetzt werden dürfen.

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11 Kommentare zu “Forschung mit Gentech-Pflanzen: Kommentar zu NFP-Publikation”


  1. 1 Jan

    Hallo Yves,

    ich hätte eine Frage zu dem Beitrag: wo zeigen sich in den aktuellen Forschungsresultaten mit den transgenen Weizenpflanzen die Risiken, auf die im Blog verwiesen wird?

    Unerwartete Resultate, ja. Das kommt in der Forschung öfters vor (und kann manchmal auch auf eine völlig neue, spannende Spur führen).

    Aber Risiken? Wer ist denn möglicherweise gefährdet worden (diese Pflanzen sind ja nicht für den Konsum, sondern als Forschugnsobjekt gedacht)?

    Vielen Dank für die Aufklärung!

    Jan

  2. 2 yves

    In diesem Versuch wurde niemand gefährdet. Aber der Versuch zeigt, dass allenfalls Nebeneffekte entstehen könnten, die selbst auf der Ebene eines Freisetzungsversuchs – noch vor dem kommerziellen Anbau – problematisch sein könnten.
    .
    Die Risiken des kommerziellen Anbaus von Gentech-Pflanzen stellt folgender Film sehr gut dar:
    http://www.greenpeace.ch/de/themen/landwirtschaft/gentechnik/gentech-landwirtschaft/

  3. 3 Felix

    Hallo Yves, auch ein paar Fragen:
    1) Warum waren die Resultate zu erwarten? Wenn man keine Freisetzungsversuche macht, kann man ja nicht wissen, wie sich die Pflanzen im Frwiland verhalten. Wer einfach ein (Fehl-)verhalten erwartet, ohne es beweisen zu können, behauptet einfach etwas.
    2) Und warum kommentierst Du nu die zwei Wezenlinien, die sich nicht wunschgemäss verhalten haben? Genausogu könnte man doch sagen, das Experiment hätte schon im ersten Anlauf zu 50% funktioniert.
    3) warum weist Du explizit auf die Toxizität des Mutterkorns hin? Müsste man der Vollständigkeit halber nicht auch erwähnen, dass zB in jeder Nuss Aflatoxin drin sein kann – ebefalls hochtoxisch.
    Danke für deine weiterführenden Antworten.

  4. 4 Yves

    Gerne antworte ich der Gentech-Lobby darauf wie folgt:

    1) Die Resultate waren zu erwarten, weil die Effekte, die erst in der Umwelt entstehen eine alte Geschichte sind. Zu Grunde liegen zwei Effekte: Ein und dasselbe Gen kann verschiedene Ausprägungen oder Wirkungen haben, die unter anderem auch durch äussere Einflüsse geprägt werden können. Zudem kann ein und dasselbe Gen, abhängig vom Ort seines Einbaus, durch den unterschiedlichen Einfluss der umgebenden Gene unterschiedliche Bedeutung erhalten. Ein Klassiker für diese Effekte waren bereits 1992 transgene Petunien, die durch ein eingefügtes Mais-Gen lachsrote Farbe annehmen sollten und die als erste freigesetzte Pflanzen in Deutschland für Schlagzeilen sorgten. Verhielten sich die Petunien im Gewächshaus noch wie geplant, so überraschten die Pflanzen im Freisetzungsversuch mit einer ganzen Reihe unvorhergesehener Effekte. Die Petunien blühten überwiegend weiss oder gesprenkelt. Zudem hatten die Pflanzen mehr Blätter und Triebe während ihre Fruchtbarkeit herabgesetzt war. Den Angriffen bestimmter krankheitsauslösender Pilze konnten sie besser widerstehen, als ihre nicht gentechnisch veränderten Elternpflanzen.
    Solche Gen/Umwelt-Effekte sind seit dann zahlreich kommentiert. Der Nebeneffekt ist also mit grosser Wahrscheinlich zu erwarten. Deshalb ist die Hauptmessage des Resultats nicht gerade verblüffend. Wissenschaftsethisch wäre es besser mitzuteilen, wie unberechenbar die Risiken von transgenen Pflanzen in der Umwelt sind.

    2) Es erscheint wissenschaftlich richtig, bei einem Versuch, bei dem es auch um die Biosicherheit geht, sich die markanteste Auswirkung anzuschauen, oder?

    3) Greenpeace widersetzt sich dem Versuch, ein Problem durch Benennung eines anderen Problems zu relativieren oder sogar zu verharmlosen. Weizen mit Mutterkorn ist genau so unerwünscht wie Nüsse mit Aflatoxin. Keines redet das andere schön.

  5. 5 Flo

    Spannende Diskussion! Ich frage mich aber, ob auch alle die hier mitdiskutieren die eigentliche Publikation gelesen haben.

    Hier ist der Link:

    http://dx.plos.org/10.1371/journal.pone.0011405

  6. 6 Yves

    danke, aber sie ist oben bereits verlinkt

  7. 7 Felix

    Seltsam Yves,
    Greenpeace wehrt sich unter anderem auch darum gegen Tierversuche, weil die Ergebnisse von einem Tier nicht auf den Menschen übertragen werden können. Kann man denn Ergebnisse aus Versuchen mit Blumen, deren Farbe verändert wurde, auf Weizen übertragen, der gegen eine Pilzkrankheit resistent gemacht worden ist?

  8. 8 Yves

    Das ist überhaupt nicht seltsam: Gemeinsam ist beiden, dass die Ereignisse im Genom und im Stoffwechsel der gentechnisch veränderten Organismen und die Beeinflussung dieser Ereignisse durch Umweltfaktoren nicht vorhersehbar und nicht kalkulierbar sind. Diese molekularen Abläufe scheinen bei jeder Versuchsanordnung aufzutreten, das heisst die Abweichungen beim Weizenversuch zwischen Gewächshaus und Umwelt sind keine wesentlich neuen Erkenntnisse. Insofern vermisst man die Schlussfolgerung beim Weizenversuch, dass die Nebeneffekte zwangsläufig auftreten, in diesem Experiment sogar mit einer Deutlichkeit wie kaum zuvor, und das Eingeständnis, dass ein Nebeneffekt irgendeinmal im Freisetzungsversuch nicht erkannt werden wird, mit der Folge, dass das Produkt kommerzialisiert wird und sich die (nicht erkannten) negativen Effekte erst beispielsweise beim Konsum des Produkts manifestieren.

  9. 9 Ralf

    “Jan” und “Felix” kann ein vernünftiger Mensch nicht wirklich ernst nehmen. Die kurzsichtige Gentech-Branche soll sich damit begnügen, im Bundeshaus zu lobbyieren (vorwiegend bei FdP, CVP, SVP).

  10. 10 Thomas

    “Jan” und “Felix” stellen meiner Ansicht nach berechtigte Fragen zu dem doch recht einseitig geschriebenen Artikel. Sie deshalb als Vertreter der Gentech-Lobby zu bezeichnen zeigt aber, dass Greenpeace die Dinge in einer Weise Schwarz-Weiss sieht, die gefährlich nahe an Extremismus grenzt.
    Es steht ausser Frage, dass Gentech-Multi’s wie Monsanto nicht daran interessiert sind den Welhunger zu bekämpfen sondern einfach Geld verdienen wollen, und dies geschieht auf Kosten der restlichen Bevölkerung. Das können sie aber nur, weil genug Personen in den entscheidenden Ämtern davon profitieren. Es ist meiner Ansicht nach fraglich ob diese Personen auf ihren Profit verzichten weil ein paar Aktivisten in Schutzanzügen mehr oder weniger wilde Behauptungen durch die Strassen schreien – das ist nach bald 40 Jahren Greenpeace nicht mehr wirklich neu.
    Die Studie der Forscher aus Zürich ist hingegen ein erster harter Fact gegen die bedenkenlose Freisetzungspraktiken der Gentech-Multi’s. Dass es eine der ersten solchen Studien ist, zeigt nur dass sich die Anti-Gen Aktivisten selbst geschadet haben. Wäre Risiko-Forschung in Europa einfacher, hätten wir womöglich schon heute die Argumente welche nötig sind um die Multi’s zu einer Änderung ihrer Geschäftspraktiken zu zwingen, und das nicht nur in Europa.
    Da Yves es erwähnt hat möchte ich auch das noch kurz bemerken: ja, das Forschungsprojekt des Nationalfonds hat viel Geld gekostet. Allerdings war ein wichtiger Teil des Budgets (im ein- bis zweistelligen Millionenbereich) die Bewachung des Versuchsfeldes, um Anti-Gentech Aktivisten davon abzuhalten den Versuch zu zerstören. Zumal die Resultate der Studie nun im Sinne von Greenpeace ausgefallen sind können sie sich ja an den Kosten beteiligen.

  11. 11 anina

    wirklich sehr spannende diskussion hier… bin gespannt was die zukunft bringt…

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